Kurzgeschichten

 


 

Die andere Seite der Tür

 

 

Irgendwann wird sie es begreifen müssen, warum es, nur auf der anderen Seite, hinter der Tür geschah.

Wenn der Tag zu Ende geht, spürt sie es heftiger. Immer wieder schaut sie verstohlen zur Tür, lässt sie einen Spalt geöffnet und wartet, dass sich etwas verändert.  Natürlich passiert nichts.

Sie blickt sich um in ihrem vertrauten Zimmer, sieht das Bett, den Kleiderschrank und die hochgerollten Jalousien. Sieht die Dämmerung durchs Fenster kriechen, die den Raum seltsam verschwimmen lässt. Sie reißt die Tür weit auf. schaltet das Licht ein und flüchtet.

Doch dann, in der Nacht, muss sie dort hinein.  Die Müdigkeit lässt ihr keine Wahl. Bevor sie ins Kissen sinkt, kontrolliert sie wie immer. Die Fenster in den anderen Räumen sind geschlossen, das Licht im Bad ausgeschaltet, der Wasserhahn zugedreht, der Herd in der Küche abgestellt. Es sind Rituale, die sie seit Jahren befolgt. Sie sagt wie so oft: “Wann vertraue ich mir endlich wieder?“und schließt die Tür zum Schlafraum. Sie weiß, wenn sie offen bleibt, hört sie die Geräusche. Hört es am Fenster kratzen, das Tropfen des Wasserhahnes, das Zischen des Gasherdes aber vor allem das Klacken des Lichtschalters.  Auf und ab.  Sie liegt mit offenen Augen in ihrem Bett und starrt auf den Türdrücker. Das Mondlicht spiegelt sich im Metall des Knaufes.  Das Rollo, sie hat vergessen es herunterzurollen.

Dann wieder mit halboffenen Lidern die Tür beobachten, bis die Augen brennen und tränen.  Nein, es kann sich nicht wiederholen! Es ist niemand auf der anderen Seite der Tür, niemand der sie öffnet, sodass sie sie hört, die zerstörenden Geräusche.

Die Wohnungstür, hatte sie zweimal rumgeschlossen? Erschreckt fuhr sie aus dem Halbschlaf und starrt zur Tür.  War dort eine winzige Bewegung, ein Zittern, ein Kratzen? Der Drücker, verschob er sich nach unten, nur einen Millimeter? Oder doch nicht ?

Sie hält die Luft an. Die Stille jetzt im Zimmer ist eiskalt.  Dann hört sie es das Klopfen. Erst leise ängstlich, dann laut und rauschend, bedrohlich.

Doch es kommt nicht von der Tür.  Es ist ihr Puls, der so jagt.  Sie springt aus dem Bett, hetzt zur Tür, reißt sie auf. Nur Dunkelheit auf der anderen Seite, kein Lichtschein im Bad, kein keuchender Atem. Es ist still und friedlich im anderen Zimmer. Warum auch, ihre häufigen Kontrollen waren wie immer gründlich und überflüssig.

Es ist die verdammte Tür! Ist sie geschlossen, vermutet sie das Chaos dahinter.  Heute lässt sie sie offen. Ihr Rundgang durch alle Zimmer endet um Mitternacht. Dann legt sie sich in ihr Bett, zieht die Decke übers Gesicht und schließt fest die Augen. Sie wartet, horcht.  Worauf? Es kann niemand in dieser Wohnung sein.

ER KANN ES NICHT WISSEN, DASS SIE UMZOG, IN EINE ANDERE STADT!

Doch noch immer sieht sie ihn ganz deutlich vor sich und spürt ihn Nacht für Nacht.  Sie lag mit dem Rücken zur Tür, als diese sich leise öffnete. Dann sah sie das Messer in seiner Hand aufblitzen und fühlte den Schmerz und die Panik.  

Damals wollte sie sterben.  Nicht wegen der verwüsteten Wohnung, vor Scham.  Bis heute weiß sie nicht wie er in ihre Wohnung gelangte.

Mit Tränen auf dem Gesicht musste sie eingeschlafen sein. Der Wecker tickte sie wach und sie schaute zur Tür. Hatte sie sie wirklich offen gelassen? Aber nicht so weit, denkt sie, es war doch nur ein Spalt, ein winziger Durchblick, ein verzweifelter Versuch. Sie steht auf und schließt die Tür, die Grenze zur anderen Seite. Die Seite der lauten Geräusche, die wehtun, die ihre Angst schüren, die so unheilvoll sein können, sie unsicher machen und quälen. Doch diese trügerische Stille jetzt, lässt sie auch nicht zur Ruhe kommen. Es ist, als hätte sie sich mit dem „Dahinter“ verbündet, und je leiser es diesseits der Tür ist, desto deutlicher hört sie die andere Seite. Dort , wo alles begann. Die Dunkelheit macht alles noch hörbarer.

Wenn der Morgen endlich anbricht, das Licht durch die Ritzen der Rollos scheint, sind die Tagesgeräusche für sie wie eine Erlösung. Das Vogelgezwitscher, der Straßenlärm, selbst das Telefonläuten stört sie nicht.

Tief und lange, im Bett verkrochen, mit dem Rücken zum Fenster, schläft sie in den Tag hinein.  

 

 

Julia M.

 

 

 

 

 

  


DIE STADT

  


Ganz früh morgens, scheint meine Stadt eine Andere zu sein. Doch die Zeit wird daran nichts ändern, denn ohne Zweifel ist meine Stadt eine Frau. Sie erwacht zögernd wie eine Frau, begrüßt den Tag, streckt sich lächelnd und unterdrückt ihr Gähnen. Wenn der Himmel im Osten sich rot färbt, liegt sie mit zerzaustem Haar, voller Unschuld, von der Wärme der Nacht ermattet, im Morgenlicht. Sie drängt sich den Strahlen der aufgehenden Sonne entgegen und kleidet sich an, in schäbigen, möblierten Zimmern, in zahllosen  Appartementhäusern, in großen, geräumigen Villen und in pompösen Geschäftsvierteln. Sie verwandelt sich, wird eine andere Frau, wirkt gepflegt und geschäftsmäßig, attraktiv. Sie putzt sich heraus, kämmt sich die Flausen der Nacht aus dem Haar und ist  manikürt für einen langen Arbeitstag. Wenn gegen Abend ihre Untadeligkeit Risse bekommt, ist sie nicht mehr die gleiche Frau. Sie trägt noch dasselbe Kleid, denselben Anputz, doch Stimmungen und Untertöne haben ihr Image verwandelt. Sie sitzt jetzt in Cafeterias, in Bars oder nur auf einer Parkbank und ist wieder eine Andere. Ihre müden Gesichtszüge, manchmal dieses einladende Lächeln, lassen sie geheimnisvoll erscheinen. 
 

 

Wenn sie ihr Glas hebt und auf die Nacht wartet, überflutet das  Purpur des Abendhimmels ihr Gesicht. In der Nacht wird sie zum Weibe. Ihre Fraulichkeit fällt, der Lack bröckelt. Sie wirkt flatterhaft,  zerfahren, ein wenig verschmust und anschmiegsam. Sie will, dass das Lippenrot von ihrem Mund weggeküsst wird, wirft ihre Beine verwegen übereinander und seufzt, wenn Männerhände sie berühren.

Ja, die Stadt, ist jetzt nichts anderes als ein Weib. So weich, einladend und vulgär. Denn auch die Nacht ist eine weibliche Tageszeit.

Und dann wieder ganz anders kann die Stadt in den leeren Stunden sein, wenn sie schläft. Wenn manche Gebäude grade  geschlossen werden, die  Fenster nur noch mit einem geöffneten Auge blinzeln, wird sie fremd, die Stadt.

Man hört ihr Leben als Gemurmel, wie unter einer warmen Bettdecke. Im Dunklem hat sie keine Kontur .Sie könnte jetzt jede Frau sein, jede Stadt, irgendwo. Wenn sie dann das schwarze Nachthemd des ganz frühen Morgens angezogen hat und man sie unsicher berühren möchte, ist sie eine Fremde mit geschlossenen Augen.

Am nächsten Morgen, wenn sie erwacht, wird sie wieder gähnend, mit ausgestreckten Armen die Stille begrüßen. Das Haar, wie immer zerzaust, ein zufriedenes Lächeln, so wie wir sie schon so oft erlebten, wird  sie sich herausputzen für den Tag.

 

 

Julia M.

 


 


SCHRECKSEKUNDEN

 

Blitzschnell schlug ich die Augen auf und erstarrte. Die traumlose Nacht war zu Ende und der Morgen stand plötzlich still. Alles stand still, kein Uhrenschlagen im Zimmer, keine Zugluft an der Tür. Also war auch der Wind ohne Kraft. Es war so leise, dass ich mein Herz eigentlich schlagen hören müsste. Meine Stimme war weg, als mir das Telefon aus der Hand fiel. Ich wollte Dich anrufen, doch die Leitung hatte kein Freizeichen, nicht einmal einen Summton. Ich hörte mich denken und verstand kein Wort.

Wie auf Watte tretend, tastete ich mich bis zur Balkontür, um in den Garten zu sehen. Die Sonne schien seltsam blond. Sie hatte links einen langen Strahl, der wie ein Rapunzelzopf die Erde berührte. Schlaff hing er im Lavendelbeet und ließ die Blüten fast pink leuchten. Starr, ja bewegungslos, wie auf einem Foto, saßen Sperlinge auf dem Zaun. Als stumme Erinnerung meines leeren Traumes durchlebte ich Schrecksekunden.

Es roch nach Nichts, es bewegte sich Nichts und ich spürte Nichts. Die Angst, jetzt laut zu sprechen, ließ meine Stimme gänzlich versagen. Mein Mund, der Dir so viel zu sagen hatte, blieb verschlossen. Nur meine Augen waren weit geöffnet und ich musste die Ruhe ertragen. Mühelos wanderten sie über stumme Pfade zu Dir und fürchteten die Dunkelheit, die der Stille folgen könnte.

Zeitlupenhaft öffnete ich das Fenster, um endlich den Tag zu hören .Ein Krähenschnabel rief lautlos im Geäst. Ich ahnte das Rascheln der Blätter und erschrak beim Anblick des Windspiels.

Ganz leise gestellt war dieser Tag, ohne Ton. Ich suchte den Knopf, denn es durfte heute nicht lautlos sein. Ich wollte meinen Schrei hören, wenn ich Dich freudig begrüße und am Klang Deiner Stimme den Tag messen.

Die Angst, dass es nicht geschieht, hatte alles lautlos werden lassen. Obwohl dieser Zustand der Stille nur sekundenlang dauerte, kam er mir wie eine Ewigkeit vor. Eine Ewigkeit ohne Krähenruf , ohne Windgejammer , ohne Dich.


 

Julia M.

 

 

 

 

 


 

 Suche neuen Mieter

 

Konntest Du Gedanken lesen? Deine Blicke ließen es mich glauben. Die Musik, die wir gestern gemeinsam uns anhörten, versetzte mich in meinen Raum der EMOTIONEN, ließ mich dort versinken und meine Tränen hatten freien Lauf. Es war doch kein Mitleid von Dir, als Du meine Hand nahmst, mich ansahst, als hätte ich Dich hereingebeten? Dabei war die Tür nur einen Spalt geöffnet. Du hättest eintreten können, wüsstest Du das Losungswort zu diesem geheimen Zimmer. Der Raum der schönen und romantischen Dinge, der vollgestellt mit meinen Kostbarkeiten, meinen leisen Gefühlen, die ich hüte und pflege, zum Träumen, Lauschen und Schauen. Es sind liebevolle Geschenke dabei, samtweiche Zärtlichkeiten, zusammengetragen, viele Jahre lang. Abgeschirmt von der Außenwelt, bewahre ich hier meine stillen Erinnerungen auf. Schau rein, es ist hell und warm und duftend. Hier lasse ich den Sommer ewig überwintern. Es waren Tränen der Ergriffenheit, die Du sahst. Ich lasse sie nur in diesem Raum zu, ein Raum in meinem Kopf, den ich aufsuche als Fluchtort, wenn in allen anderen Zimmern Chaos herrscht. Es macht mir nichts aus, dass er am Ende eines langen Ganges liegt und ich an vielen Türen vorbeikomme, die nicht immer ganz geschlossen sind. Hinter welcher Tür verstecke ich meine Eifersucht oder den Hass? Aber auch die Gleichgültigkeit und meine Faulheit verweise ich nicht immer sofort in ihren Raum. Und da ist dann noch die Tür der Unsicherheit, die schon lange schief in den Angeln hängt. Ich versuche seit Jahren, sie zu richten und hoffe es jetzt, mit Deiner Hilfe zu schaffen. Wenn ich sie durchschreite, flackert das Licht in meinem Inneren, meine Füße stolpern über herumliegende, unerfüllte Wünsche, über Fragen und Sachen, die nie erledigt wurden. In diesem Raum bin ich nie sicher, etwas richtig zu tun. Die Angst treibt mich dann meist durch die nächste Tür. Ein Ort, an dem ich mich verstecken möchte. Hier flüstern die schwarz getünchten Wände mir hämisch zu und lästern über meine Unfähigkeiten. Wie eisige Hände berühren mich diese Worte und umklammern meinen Hals, so dass mein Schreien stumm bleibt. Es plagen mich gefährliche Gedanken, so als hätte alles keinen Sinn mehr. Nur weg von hier, an der Tür steht AUFGEBEN. Meine ganze Kraft muss ich einsetzen, um diesen Raum zu verlassen, denn noch Stunden danach verfolgt mich die Schwärze. Dann schleppe ich mich wie ein geschundenes Tier, vorbei an vielen, fast vergessenen kleinen Kammern, mit fest verschlossenen Türen. Hier lagert Verdrängtes, Lügen, Scham, Nutzloses.  Auch Verdammtes und Peinliches.

Diese Türen würde ich nie freiwillig öffnen!  Und auch niemals werde ich die Tür mit dem Namen VERGESSEN, die tief unten im Keller ist, aufschließen. Dort, wo ein Schicksalsschlag meinen Schmerz glühend aus mir herausfließen ließ.  Zum Glück! 

Es geschah heiß und brennend, nur langsam erkaltend und dann endlich versiegend. Dieses Feuer kann niemand mehr entfachen, nicht mal flackern lassen. Es ist endgültig erloschen. Ausgebrannt, so wie ich mich damals fühlte. Zurück blieb ein narbenübersäter, mit vielen Einschlüssen und Kerben versehener Rohling. Nicht mehr aufzuarbeiten, nicht mehr zu erwärmen, nicht mehr erwünscht. Abfall.

Ich entsorgte diesen Schmerzblock im Kellerverschlag, auf meinem persönlichen Schrottplatz. Ich hoffe, es findet ihn keiner und niemand erkennt ihn. Aber er ist ein Teil meines Hauses und ich muss an ihm vorbei. 

Doch heute besuche Du mich in meinem privaten Heiligtum und fälle Deine Entscheidung. Hier bin ich nur ich selbst. Hier kann ich alles tun, sogar der Realität entfliehen. Eine himmelblaue Tür, bemalt mit bunten Ornamenten und Blumen, lässt sich ganz leicht öffnen. Sie führt in mein Reich, fernab von der Wirklichkeit. Hier finde ich Glück und Lachen, Freude und auch einmal Trauer und Wut. Hier liebe ich Einsamkeit, lese bei Kerzenschein Romane, trage verrückte Kleider und male bizarre Bilder. Es reizt mich, Verbotenes zu tun und hier nehme ich Auszeiten, soviel ich will. Dieses Lebensgefühl, bestimmt von mir, lässt mich staunen über mich selbst. Es ist mein Zimmer der PHANTASIE. Du musst auch so einen Raum haben,  jeder hat ihn! Ich nutze ihn oft. 

Nach diesen, nur für mich wertvollen Stunden, möchte ich Dir begegnen. Möchte mit Dir in der Küche sitzen, die heiße Teetasse mit den Händen umfassen und in Deine Augen sehen. Ganz ernsthaft werde ich Dich fragen, ob Du bereit bist, bei mir einzuziehen. Es steht schon sehr lange ein Zimmer leer. Du könntest es haben, an der Tür steht LIEBE. Es wird nicht leicht sein, das Haus mit mir zu teilen. Entdecke Räume, die ich noch nie betrat und richte neue ein, in denen wir uns vielleicht gemeinsam treffen könnten.

  

J.M.