Gedankenwege

  


 

Bei Dir im Park

  

Wieder stand ich vor dem Eingang. Eine Eisenpforte , verschnörkelt und schon etwas rostig. Als ich  durchs Tor trat, empfing mich eine wohltuende Stille. Die asphaltierte Straße . die, umsäumt von hohen Bäumen,  vor mir lag,  wand sich wie eine graue Schlange in einem sanften Bogen. In regelmäßigen Abständen gingen schmale Wege links und rechts der Straße ab. Auch sie wurden von Büschen und Hecken begrenzt. Aber keineswegs wild wachsend , sondern angelegt wie in einem englischen Garten , gepflegte Ziergehölze.

 

Ich bog gleich an der Abzweigung rechts ein. Wie immer,  war ich erstaunt, dass dieser schmale Pfad so hell und luftig war. Bis zur kleinen, weißen Bank, die unter einer Birke stand, hörte ich nur Vogelgezwitscher. Später dann meinen Atem vom hastigen Gehen. Ich setzte mich, lehnte mich zurück und  sah in den Himmel. Es war windstill und noch etwas kühl. Ich schloss die Augen und genoss das Alleinsein. So früh am Morgen begegnete man hier kaum einem Menschen. Die Sonne wärmte noch nicht und die Bank war feucht von der Nacht. Doch es störte mich nicht, denn hier kam ich zur Ruhe, hier war mein Sammelpunkt für mein Vorhaben.  Von hier aus führte mein Weg immer an einen  bestimmten Platz dieses friedlichen  großen Parks. Ja, ich nannte ihn Park, denn das Wort Friedhof war für mich beängstigend.

In einem Park konnte man fröhlich sein, lustige Spielchen treiben und  auch laut lachen. Alles , was Du Dir immer so sehr von mir gewünscht hattest.  Du konntest nie genug bekommen und hast dabei Deinen Drang zum Aktivsein  so maßlos übertrieben. Deine Panik machte mir Angst, denn wir wussten von Deiner Krankheit. Du zähltest Deine Zeit.

Dein plötzliches Gehen  war für mich schmerzhaft und Erlösung zugleich. Es gab nur diesen Weg für Dich.

Und hier im Park, wenn ich Dich besuche, lege ich Dir Blumen zu Füßen, die in der Farbe nie zusammenpassten. Du liebtest es bunt und kitschig.  Du lachtest, wenn ich laut und falsch sang und meine billigen Witze gefielen Dir, obwohl ich sie meistens verkehrt erzählte. Auch für mein ständiges  Zufrüherscheinen  zu unseren Verabredungen, hattest Du nur ein Schmunzeln übrig.

Ich werde nicht aufhören,  dies alles weiterhin mit Dir zu teilen.

Meine kleine, hellblaue Gießkanne mit den grünen Tupfen, sie hätte Dir bestimmt gefallen, muss mit Wasser gefüllt werden. Am Steinbrunnen, der sich in einem Rondell befindet,  ist eine Messingtafel an der Seite angebracht. Fast hundertvierzig Jahre ist sie alt. So alt sind auch diese wunderschönen Anlagen mit den vielen Ruheplätzen und den Schatten spendenden Bäumen.

Es ist nicht mehr weit zu Dir, komme ich wieder zu früh? Doch es ist Absicht,  denn wenn es hier noch einsam ist,  kann ich Dir ungestört die neuesten Ereignisse erzählen. Ich sehe Dich dann vor mir, wie Du den Kaffeebecher  verschüttest,  die Zigarettenasche vom Balkon schnipst  und wie Du mir wieder nur halb zuhörst. Deine Gedanken waren in letzter Zeit ständig auf der Suche und nie hast Du etwas zu Ende gebracht.

Deine Unzufriedenheit und Deine Rastlosigkeit haben auch mein Leben verändert.

Doch hier musst Du mir zuhören.

Hier brauchst Du nicht zu antworten. Es macht mir nichts aus, ich gebe mir selbst die Antworten, denn ich kenne sie. Sie hätten Dir vielleicht nicht immer gefallen. Jetzt, da ich weiß, wo Du bist,  vermisse ich Dich. Jetzt, da ich weiß, dass Du nicht weghören kannst, sollst Du alles von mir erfahren. Ich werde Dich auf dem „Laufenden“ halten, wie Du immer so schön sagtest.

So,  dann bis Morgen. Ich werde, wie immer, ganz früh kommen.

Und mit meiner hellblauen Gießkanne , die ich extra für Dich kaufte.

 


J.M.

 

   

 

 


 

 

MONDGEDANKEN

 

Ein Mond, der auf dem Rücken lag .So sah ich ihn, als zunehmend erkennbare Sichel am Himmel. Ich saß in meinem Fenstersessel und beobachtete, wie sie langsam weiterwanderte.

Der Mond war für mich schon immer etwas Faszinierendes. Er macht mich glücklich, traurig und wehmütig zugleich. Er kann die wunderbarste Erscheinung sein, wenn er gespensterhaft als Vollmond die dunkle Erde übergießt. Die Schatten sind dann geheimnisvoll und erwecken ein Gefühl für Verborgenes.

Ich denke zurück an eine Nacht. Ich kam von der Geburtstagsfeier einer Freundin, ich hatte den letzten Bus verpasst. Es ging schon dem Morgen zu, deshalb nahm ich die Abkürzung am Stadtrand, die durch Wiesen und Felder verlief. Ein schnurgerader Weg, mitten durch ein Maisfeld, war unumgänglich .Riesig standen die Pflanzen, links und rechts des Weges.

Wie eine Maisarmee .Ich konnte nicht drüberschauen, so hoch. Der modrig, erdige Geruch nahm mir fast den Atem. Über mir hing der Vollmond wie eine Laterne, und neben mir ein Rascheln und Raunen. Nein, ich hatte keine Angst! Ich kannte diesen Weg , kannte jede Kuhle und jeden Steinhaufen an den Rändern , wusste auch , wenn ich am einzigen , großen Baum ankam , hatte ich nur noch die Niederung vor mir.

Der Mond beschien das Maisfeld mit einem seltsamen Licht. Seine Strahlen erfassten nur die oberen Spitzen der Kolben, während die großen, langen Blätter fast schwarz blieben.

Wie Soldaten eskortieren die Maismänner meinen Heimweg. Mondlicht ist trügerisch. Neigte dort nicht ein besonders dicker Stängel mir seinen Kopf entgegen? Die trockenen Blätter raschelten und etwas knarrte und schabte aneinander. Ich sah zum Mond hinauf und bildete mir ein, der alte Kerl grinste schadenfroh.

Ein sanfter Windhauch ließ plötzlich die Maismänner wie eine Woge schwanken. Sie bewegten sich fast lautlos zur Seite, um dann alle gleichzeitig wieder grade zu stehen.

Ich erschrak nun doch, als ein Vogel einen Krächzlaut ausstieß. Mein Herz schlug schneller und mein Schritt wurde es nun auch. Noch zwei Kilometer, dachte ich, und hoffentlich bis dahin keine Wolke am Himmel.

Ich sah nach oben und war überrascht. Ich war am Ende des Feldes und der Mond war jetzt hinter mir. Er kam über den Baumwipfel geschwommen und schien es genau so eilig zu haben wie ich. Es war so schön, dass mir Zweifel kamen, ob dieser weiße, runde Planet nicht doch eine „Sie“ ist? In Frankreich ist es eine „Sie“. Oder in Italien , wo der Mond „Luna „ heißt. Wenn man lange genug hinschaute, erkannte man im Fantasiegesicht das „Meer der Sehnsucht“, das „ Land der Erfüllung“ oder „Den Krater der Sinnlichkeit“.

Bezeichnungen , die vielleicht nicht nur Verliebte so deuten.

Die Symbolik des Mondes hat etwas Mächtiges. Etwas , was für Geburt und Wachstum steht , für den biologischen Rhythmus und die vergehende Zeit. Ganz anders als bei der Sonne, ist der Mond sanft und lieblich und sein leuchtendes Antlitz als wechselnde Gestalt am Abendhimmel. Für mich ist der Mond in jeder Form etwas anziehend Schönes.

Doch in dieser Nacht war er wohl doch ein „Er“. Sein dickes Gesicht strahlte, als er die feuchten Wiesen neben mir beschien. Der Weg wurde glitschig und ich musste nach unten sehen. Rechts war es moorastig und man konnte knietief einsinken. Geh nur nicht weg dort oben, dachte ich, oder verstecke dich hinter dieser Schleierwolke, die langsam heranschwebte. Wie ein Gespenst lag ein Nebelfetzen auf dem nassen Gras. Es glitzerten Tautropfen auf Blättern und Halmen. In der Ferne war es so dunstig, als ginge es dort nicht weiter. Auf der anderen Seite hatten sich Nebelschwaden auf die Erde gelegt, es sah aus wie eine Wattewiese. Gespenstig waberten sie wie Wolken dahin. Es war so still, dass es mir nun doch Angst wurde. Aber es war auch eigentümlich wohltuend.

Ich trat ganz leise auf, fast auf Zehenspitzen und ich stolperte dadurch plötzlich. Traf eine tiefe Pfütze, die schmatzend meinen Schuh aufsog. Wütend, durchnässt bis auf den Strumpf, Erdklumpen am Schuh, sah ich nach oben. „ Mond, wo bist du, wenn man dich braucht!“

Er war hinter der Schleierwolke, sonst hätte ich ihn bestimmt in der Pfütze sich spiegeln sehen.

Ich blieb stehen, wartete, lauschte. Nahm einen Stein und warf ihn zornig nach vorn. Sein Aufprall war dumpf. „Zieht die Wolke endlich weiter? Mond, du bist doch hoffentlich noch dahinter? Ich brauche dich dringend für mein letztes Stück Weg!“

Laut rief ich hinauf, Mond, ich werde dich anhimmeln, dein strahlendes Licht preisen und stets dein gutmütiges Gesicht anlächeln.

Und das nicht nur, weil ich heute ein Glas Wein zu viel getrunken habe!

Ich saß in meinem Fenstersessel, sah zu ihm hinauf und wusste, ich hatte mein Versprechen gehalten.

 

J.M.